Pogromnacht in Nordhorn

12. November 2020

Der folgende Beitrag wurde am Evangelischen Gymnasium Nordhorn anlässlich des Gedenkens im Jahr 2020 an den 09.11.1938 erstellt. Es handelt sich um Teil 4 von 6. Jeder Beitrag steht für sich, aber alle Beiträge ergeben ein Ganzes.

 

Schließ die Augen, stell dir vor, es ist der 10. November 1938. Die morgendliche Ruhe wirkt fast unheimlich. Als du aus dem Fenster schaust, trifft es dich wie ein Schlag. Überall Scherben; die Fenster der jüdischen Geschäfte und Häuser sind zerschlagen; wohin das Auge reicht, liegen Glassplitter und persönliche Gegenstände auf den Straßen. Die gesamte Inneneinrichtung des gegenüberliegenden jüdischen Gotteshauses ist völlig verwüstet, die Arche und das Lesepult zertrümmert, die vier gotischen Fenster mit Steinen zerschlagen, die zweiflügelige Eingangstür hängt nur noch in ihren Angeln. Am Eingang hängt ein Schild mit der Aufschrift „SS-Sturmlokal“. Langsam fängst du an, zu begreifen. Schon Wochen zuvor wurde gegen einige Juden in der Stadt gehetzt. Deine Nachbarn schauen aus den Fenstern; hinter ihren Vorhängen versteckt wagen sie es nicht, den Fuß aus ihrer Haustür zu setzen, bleiben stumm. Und auch in dir steigt Angst auf. Von deinen jüdischen Mitbürgern ist keine Spur zu sehen „Was mag ihnen wohl passiert sein, sind sie verletzt?“ Du versuchst diese schrecklichen Gedanken zu verdrängen…vergebens. Beunruhigung, Verzweiflung aber auch Wut entflammt in deiner Brust. Du verstehst nicht, wie es so weit kommen konnte. Dein Blick schweift wieder über die zerschlagenen Kultgegenstände deiner Mitmenschen. Doch niemand erhebt seine Stimme gegen das Geschehene.

Und dann geht alles ganz schnell: In den nächsten Wochen werden alle Grundstücke jüdischen Besitzes verkauft, jüdischen Kindern wird der Schulbesuch untersagt, viele von ihnen werden bei holländischen Verwandten untergebracht und auch immer mehr Familien fliehen in die Niederlande. Neue Gesetze und Verordnungen werden erlassen und auch ungesetzlich werden Juden mit Schikanen und Drangsalierungen eingeengt. Bis Hitler schließlich im Mai 1940 auch die Niederlande überfällt und die Ermordung, ja die Ausrottung der jüdischen Bevölkerung, egal ob jung oder alt, in Vernichtungslagern beginnt.

 

Heute erinnert in dieser Straße die in das Pflaster eingelassene Platte an das Zentrum jüdischen Lebens in Nordhorn und an dieses unverzeihliche Verbrechen!

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